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Dezember - Monatsbetrachtung
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Mit dem Dezember neigt sich das Jahr unwiederbringlich dem Ende zu. Doch in unserer christlichen Kultur wird die beginnende Kälte, Unwirtlichkeit und Dunkelheit mit dem Advent und der Hoffnung auf Weihnachten wunderbar überbrückt. Die Bauernregeln halten für jegliches Wetter Sprüche parat:

Der Winter war den meisten Dorfkindern früher die liebste Jahreszeit, da sie weniger arbeiten mussten und mehr spielen konnten. Bei Schnee waren wir jeden Tag mit unseren Schlitten unterwegs, bei Frost legten wir uns in den Dorfstraßen „Pritsche“ an. Kinder verlieben sich auch. In welcher Jahreszeit sonst konnte man dem- oder derjenigen, in die wir verknallt war, so nahe sein als beim Schlittenfahren. An die grimmige Kälte gewöhnten wir uns schnell. Da Mädchen keine langen Hosen sondern nur Röcke trugen, war allerdings das Stück Bein zwischen Strumpf und Unterhose ungeschützt, rau und rot im Winter. Auch Frostbeulen an den Händen oder Füßen konnten uns sehr quälen.

Die Erwachsenen erledigten vor Weihnachten etwas, wofür sie das Jahr über wenig Zeit hatten. Sie putzten gründlicher als sonst. Schränke, Schubladen, Regale wurden mit neuem Papier versehen, Gardinen und Deckchen gewaschen. Bei Abendrot verkündeten die Mütter, dass das Christkind schon Plätzchen backe. Da Schule und Backhaus früher eine Einheit bildeten, sahen wir allerdings, dass in Niederburg die Weihnachtsplätzchen aus unserem Backhaus kamen. Nach dem Brotbacken war immer noch genug Hitze für die Plätzchen vorhanden.

Wir produzierten nicht nur unser Essen selbst sondern zum großen Teil auch unsere Kleidung. Vor Weihnachten wurden viele Geschenke gestrickt, gestickt, gehäkelt und genäht. Direkt nach dem Krieg entstanden auch unsere Puppen aus Watte, Strümpfen, Wolle und Stoff. Was mir jedoch höchst missfiel waren die gestrickten Unterhosen. In der Schule saß ich mir das Muster in die Pobacken, was furchtbar juckte; jedoch sich dort zu kratzen? Der Po gehörte zu den verbotenen Zonen.

Für das, was die Niederburger von der Gemeinde erfahren mussten, wurde “Gemaan gehall“ Dazu stellte sich der Bürgermeister nach der Sonntagsmesse mit seinen Notizen an den unteren Brunnen. Die Männer und Kinder scharten sich rund um ihn und hörten zu, die Mehrzahl der Frauen ging meist heim, um zu kochen. Für Beratungen traf sich der Gemeinderat im „Spritzehous“, so genannt wegen der Feuerwehrspritzen, die dort unterstanden. In dem großen Raum gab es auch einen Ofen, in dem mit Holz “gestocht“ werden konnte. Niemand brauchte dann zu frieren, wenn „dä Ennähmer do wor un Holz- Wassergeld un die Steiere engenumm hod. Un’s „Frollein Ellenz hod em Sumer Kochstunn do gehall.“

Dass die Weihnachtsbäume geschlagen und abgeholt werden konnten, erfuhren wir entweder „bei de Gemaan no de Kirsch ure durch die Schell.“ Als es später die ersten Traktoren gab, wurden sie zum Schulhof gebracht und dort ausgestellt. Wer zuerst kam, konnte sich den schönsten aussuchen, wer zuletzt erschien, bekam „meischdens en oremselisch Krick“ . Doch das war überhaupt kein Problem. Unsere Zimmer waren nicht so groß wie heute, der Baum stand auf der Nähmaschine oder einem kleinen Tischchen (bei uns auf einem Holzkoffer) und wenn ein Ast fehlte, wurde er passend eingesetzt. Christbäume waren immer schön bis auf jene sogenannten „Christbäume“, die während des Krieges in den Nächten von den Bombern zur Markierung gesetzt wurden. Die brachten Angst und Schrecken.

Der seltener auftretende Nikolaus und sein Knecht Ruprecht spielten keine so große Rolle wie heute. Der Ruprecht rasselte mit einer Kette, schwang seine Rute und hat die Kinder eher „vescharischt“.

Das Christkind hingegen war die geheimnisvolle Person, die alles von uns wusste. Es war ganz in Weiß gehüllt, trug Sterne im Engelhaar und weiße Handschuhe. Wenn sein Glöckchen an der Tür ertönte, tat sich die seit einer Woche verschlossene Wohnzimmertür auf; die gerade entzündeten Flammen spiegelten sich in den Silberkugeln und ließen das Lametta funkeln. Das Christkind nahm uns an der Hand und führte uns hinein. Der Duft der Kerzen, die Teller mit den Nüssen, Plätzchen und Äpfeln, die Puppenküche, die wir aus den Augenwinkeln erspähten, „die klaa Schees“ mit der Puppe, die irgendwann ohne Auge und mit fehlendem Arm verschwand (und in Oberwesel bei Friseur Hermann repariert wurde), all das ließ unsere Herzen vor Aufregung schneller schlagen. Wir sagten Gebete vor der Krippe auf und sangen Weihnachtslieder. Erst danach durften die Geschenke ausgepackt werden.

„Um viejer Uwer morjens is Schreck geleit wor, un um finef wor die Mett.“ Die Kirche war proppevoll, die Männer knieten rechts, die Frauen links. An den Wänden glitzerte das Eis, doch wir saßen dicht an dicht und wärmten uns gegenseitig. Hinter dem Altar stand die schöne alte Krippe. Nach der Mette ging mein Vater vor die Stalltür und holte das Bündelchen Heu und Stroh herein, das er für den Esel des auf Herbergssuche befindlichen heiligen Paares dort hingelegt hatte. Es wurde an unser Vieh verfüttert. Dann holte die Mutter den auf die Fensterbank gelegten Kanten Brot. Er war für Maria und Josef bestimmt. Ich bin heute noch beeindruckt von der Vorstellung, dass die beiden in der Heiligen Nacht bei uns vorbeikommen und dann Brot, Heu und Stroh vorfinden. An Weihnachtsmorgen aßen wir als erstes andächtig dieses Stück Brot.

Weihnachten dauerte von Heilig Abend bis Maria Lichtmess. Auch Sylvester wurde unter dem Weihnachtsbaum gefeiert. Es war eine stille Zeit, in der wir uns Geschichten erzählten, Lieder sangen, „Miehlschje, Mensch ärjer dich net ure Halma gespielt hon un maje“ gingen. Mein Vater begann, „Backmanne“ zu machen und Körbe zu flechten. Unter die Bettdecken legten wir vor dem Schlafengehen heiße Bettflaschen. Wir sahen die Eisblumen am Fenster wachsen und hatten Sorge und Kummer, wenn einer krank wurde oder starb. Der wärmste Ort war immer der Stall. Wenn eins von uns Kindern das kalte Klo mit seinem an einem Haken aufgehängten Zeitungswischpapier mied „un en Hauf en de Gang gesetzt hod, gab’s Feng. Das wor Sauerei“, aber sehr verführerisch. Die Zeit damals war nicht so angefüllt mit den tausend Dingen von heute. Deshalb ging sie langsamer, wir konnten richtig spüren, wie sie verging. Mit der alten Küchenuhr im Sekundentakt, tick-tack, tick-tack…

© Gerda C. Heidelmann