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November – Monatsbetrachtung

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Gab sich der Oktober noch recht bunt, so zeigt uns der November, dass der Herbst die Vorbereitung auf den Winter ist. Die alten Bauernregeln deuten allesamt darauf hin:

Der November war früher in Niederburg ein ganz besonderer Monat, weil wir uns in einer Art Eichhörnchenstimmung befanden. Im Winzerkeller gärte der Wein. In den Kellern aller Häuser lagen große Haufen mit Kartoffeln und Runkelrüben. Auf den Speichern wurde das „Kore un die Weiz umgedräht“, damit es möglichst trocken in die Mühle gelangte. In den Regalen standen Einmachgläser mit Bohnen, Kirschen, Mirabellen und Zwetschen (Zwetschen mit Zimtstangen in Rotwein, hmm!) Die „Stann mem sauere Kabbes“ verbreitete inzwischen ihren untrüglichen „Duft“. Da konnte uns Allerheiligen und Allerseelen mit den Friedhofsbesuchen getrost das ‚Memento mori’ verdeutlichen, wir rüsteten uns mit Vehemenz für ein Leben in der Winterkälte. Es wurde Holz gehackt und im Schuppen gestapelt, denn nun heizten wir den ganzen Tag die Küche und für den Tag, wenn die „Wuzz geschlacht wor is“ musste auch unter dem Kessel „em Remies“ gefeuert werden. Ganz früher schlachtete in Niederburg „Zimmermanns Hein.“ Ich erinnere mich hauptsächlich an meinen Nachbarn, Hermann Haberkamp, der im Krankheitsfall von Konrad Oller vertreten wurde. Die Kinder wurden im entscheidenden Moment weggeschickt, aber meistens vernahmen wir mit unseren feinhörigen Ohren noch die erbärmlichen letzten Schreie der Tiere. Die weitere Prozedur war ein Gemisch von schrecklichen Gerüchen, Blut, Borsten und Eimern mit eingeweichten Därmen. Hing die „Wuzz“ sauber ausgenommen in der Kälte auf der Leiter vor dem Haus, schien das Schlimmste überstanden. Nach dem Stempel des Fleischbeschauers auf der Schwarte gab es am nächsten Tag Köstliches zu genießen: Hackbraten mit einem Gläschen Wein drin, ganz frische Schnitzel, „Heinzelmännchjer ous Blud- ure Läwerwurschd un Grieweschmalzbrot.“ Die „Wurschdsopp“ wurde in Töpfen und Milchkannen an andere Familien verteilt. Aus allen Richtungen kam eine solche Wurstsuppe im Verlauf des Monats als Ration der anderen an uns zurück. Vater aß das „Hiereschje gebroot“, was ich ganz schrecklich fand. Zuletzt galt es nur noch das Fett zu überstehen, das sich überall ausgebreitet hatte, auf der Kleidung, dem Boden, den Schranktüren, im Geschirr. „Vum Speck ouslosse“ hing es sogar in der Luft. „Imi“ war das Zaubermittel, das irgendwann alles wieder zum Verschwinden brachte. Schlimm fand ich, wenn eine Kuh geschlachtet wurde „weil se ald wor un nemmeh beijbehall hod.“ Eine Kuh war eine Freundin, an der wir uns im Herbst im Acker die klammen Hände wärmten, mit der wir arbeiteten, die uns Kälbchen gebar, Milch gab…und dann schlachten! Ich brach in Tränen aus, verkroch mich im Speicher in mein Zimmer und spielte auf dem Schifferklavier das „Requiem“ für sie.

„Med em Bigse zumache un däm Ensalse en die Fleischstann“ war die Schlachterei dann ausgestanden. Wie unnachahmlich gut schmeckte damals das Pökelfleisch.

Mit ausgearbeiteten Laubsäge- oder bunt ausgeklebten Kartonlaternen stellten wir uns am Abend des 10. November zum Martinszug auf und gingen in der Dunkelheit den Feldweg zum Martinsfeuer hinauf, wie heute noch. Das Holz aufzuschichten war die Arbeit des letzten Volksschuljahrganges. Die Mädchen mit Kohle anzuschwärzen gehörte ebenso dazu. Später, als es mit uns allen aufwärts ging, bekam jedes Kind einen Martinsweck von der Gemeinde.

Brachten die Frauen die bunten Wollstränge „vun Schulde aus Wesel“ mit nach Hause, bekamen wir jüngeren Geschwister sie in allernächster Zeit zwischen die Arme gehängt. Wir schwenkten sie steif und meistens ein wenig unmutig hin und her, damit es keinen Ruck in diesem Abroll-Rhythmus gab, bis der „Strang sich en en Klungel“ verwandelt hatte.

Dann wurden die Weihnachtsgeschenke gestrickt, „Hänschjer, Schdrimp, Sogge, en Kapp fir die Uhre un en Schal.“

„Verzehlt un gemait is wor“ und manchmal wurde dabei etwas behauptet, was nicht stimmte oder übertrieben schien. Dann gab es zuweilen große Spannung, Ärger, sogar richtigen Streit. In jeder Gemeinde existierte daher ein Schiedsmann. Konnten die erbosten Niederburger sich nicht selbst einigen, gingen sie zu diesem Schlichter. Mein Vater, Franz Schink, war der letzte Schiedsmann von Niederburg und soweit ich mich erinnern kann, hielt er dieses Amt seit Kriegsende inne. Er bemühte sich sehr um Aussöhnung, verhalf den mit einem Mal feindlich gesinnten Parteien zu Genugtuung und schrieb den Verhandlungsverlauf sowie das Ergebnis in ein großes Buch.

Von einem schrecklichen Unglück wurde unsere Gemeinde am 21. Nov. 1944 getroffen. Rund um das Dorf wurden kurz vor dreizehn Uhr 52 Bomben abgeworfen. Wir hätten alle ausradiert werden können, doch nur eine Bombe fiel direkt auf das ehemalige Haus Nr. 2 von Anton König. „Strunge Gret un de Älschde, de Alfons, wore dod. Die Modder, s’Johanna, had en Bein verlor un em Else hon se miese die zwai Baan ampudiere. De Wilfried, dä vur de Dier gesess had, had louder Schramme, dä klaa Toni en Bain gebroch un eins vun de Mädschjer en Gehirnerschidderung. S’wor furschdbar, das dode Vieh, die Trimmer iewerall. Liewer Gott, warum had er us ned beschidzt?

Die zweite Bombe kam ebenfalls „en de Butschegass runner“. Sie fiel in den Garten der Familie Baumgarten und verfehlte um einige Meter deren Haus oder das von Franz Schink. Wir blieben gottlob alle am Leben. Die Bombe entwurzelte „nur“ den großen Kirschbaum, riss einen tiefen Krater in die weiche Gartenerde und zerfetzte alle Fensterscheiben. Unsere ganze Gemarkung war von Bombentrichtern umgeben.

An diesem Tag gingen wir trotz allem mit dem Teig ins Backhaus, erstickten wegen der Rauchentwicklung allerdings immer wieder das Feuer. Das Brot bekam zwar eine Kruste, blieb aber innen matschig. Wir verzehrten es dessen ungeachtet voll Dankbarkeit. Waren wir doch für den Augenblick von noch größerem Leid verschont geblieben. Im November 1944 kannten wir die Ausmaße oder das Ende des Krieges noch nicht. Wir hatten Angst, flüchteten in den Bunker und weinten um die Gefallenen.

© Gerda C. Heidelmann