
Der September lässt uns mit den Morgennebeln und seinem ganz besonderen Licht schon den Herbst erahnen, obwohl er uns noch herrlich warme Tage bescheren kann. Verheißungsvoll sind daher die Bauernregeln:
Schöne Septembertage kamen uns früher sehr gelegen, dann bekamen wir die Kartoffeln trocken in den Keller. Diese Arbeit dauerte zuweilen den ganzen Monat an. Wir mussten Reihe für Reihe mit dem „Korscht“ aushacken, bis nach dem Krieg die ersten Kartoffelpflüge auf den Markt kamen. Immer arbeitete die ganze Familie „em Krumbierestick“, denn jede Hand wurde gebraucht. Die dicken Kartoffeln rafften wir in Eisenkörbe, die kleinen in Eimer. Einer sprang auch immer herzu, die Säcke beim Ausleeren aufzuhalten. Damit abends die Säcke beim Abtragen unterschieden werden konnten, steckte der Vater beim Zubinden
„en Sterz“ zwischen die Kordel. In Säcken „med enem Sterz“ waren die kleinen Kartoffeln, die ans Vieh verfüttert wurden. Die „annere Sterz“ wurden zu einem Haufen zusammengetragen und verbrannt. In die heiße Asche legten wir so viel „galische Krumbiere“ wie dort Platz fanden und konnten kaum abwarten, bis sie gar waren. Doch vor dem Genuss der einmaligen Delikatesse mussten wir zuerst die schwarz verkohlte Haut abknibbeln. Jeder sah staubig und verdreckt aus und gab eine perfekte „Krumbieremoog“ ab, doch beim gemeinsamen Kaffeetrinken strahlten wir alle. Die „volle Krumbieresäck“ standen in den Feldern wie braune Fingerhüte.
Sie wurden am Abend im „Hurdewaan“ heimgefahren, über der Schulter in die Keller getragen und dort ausgeleert.
Wenn im September die ersten Zwetschen blau durch die Äste schimmerten, backten wir an den Samstagen große Bleche mit Zwetschenkuchen. Wir haben gegessen, bis der Bauch weh tat. Die Feste in unserem von der Arbeit geprägten Dasein auf dem Dorf empfinden wir heute noch als besonders schön. Sie stellten das notwendige Gleichgewicht zu unserem harten Leben dar. Wir feierten die Taufen, Erstkommuniontage, Namenstage, die grünen, silbernen und goldenen Hochzeiten zu Hause. Dafür wurde oft genug das ganze Wohnzimmer ausgeräumt. Wir haben Tische und Bänke aus Dietrichs oder Bapperts Saal hineingestellt und die weißen Tischtücher „ous de Kommod“ geholt. Eng auf den Bänken aneinander gerückt, fanden wir alle Platz
Wer es ganz gut haben wollte, fragte „Braune Greda fiers Koche“. Andere Familien hatten eine Good, eine Tante, eine Schwester, die ebenso versiert die „Rendfleischsopp med dä Maakklesjer mache kunnd“. Den Meerrettich rieben wir unter Tränen tags vorher gerne selbst. Nach dem Mittagessen ging die ganze Gesellschaft in ihren guten Kleider „vor’s Dorf zum Basengg“ spazieren.
Zeugung und Geburt waren von einem Geheimnis umgeben, obwohl wir durch das Vieh tagtäglich die natürlichen Lebensabläufe mitbekamen. Aber „doriewer is ned geschwätzt wor“. Kam ein Kind auf die Welt und stand in der Sommerhitze das Schlafzimmerfenster auf, schlichen sich die jungen Burschen und Mädchen in die Nähe und lauschten mit kleinem Schaudern auf die Wehklagen der Gebärenden. Die „Hirdebaas“, eine schon ältere Niederburger Hebamme, hat mir zur Welt geholfen. Sie ging auch nach Urbar, um dort den Frauen beizustehen. Nach ihr kam die Rosa Hartel aus Oberwesel zu Fuß zu den Geburten nach Niederburg und danach die Anni Weinheimer im Auto.
Uneheliche Kinder hatten es nicht einfach. Der Makelruf „Bankert“ erreichte sie, ohne dass sie es hören wollten. Und dass jemand heiraten musste, weil ein Kind sich schon vor der Eheschließung ankündigte, bescherte viel Ärger. „Was denke dann die Leit!“ wurde in den Familien befürchtet. Die „Leit hon sisch oft gefreit, weil sie ach schun heierade muschde.“
Ein weiterer, der wie ein strafender Richter vor den unkeuschen Sündern stand, war der Pastor. Zur Strafe hat er sie meist nicht in Niederburg getraut, sondern ihnen geraten, sich in Bornhofen trauen zu lassen. Unsere Liebe Frau von Bornhofen hat die hoffenden Eheleute segnend in die Arme genommen, keinen ausgeschlossen, keinen gescholten. Jedes Jahr im Herbst kamen die Niederburger dann mit der Schiffswallfahrt nach Bornhofen, um ihr auch dafür zu danken.
© Gerda C. Heidelmann