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Mai - Monatsbetrachtung
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Schon mal gehört: „Maischnee ist besser als Schafsmist“? Also nicht jammern, wenn es noch einmal schneit! Bekannter sind gewiss andere Bauernregeln:

„Der Mai, zum Wonnemonat erkoren, hat den Reif noch hinter den Ohren.“
„Ein kühler Mai wird hochgeacht’, hat stets ein gutes Jahr gebracht.“
„Abendtau im Mai gibt das rechte Heu.“
„Regnet’s am Pfingsttag, so bringt’s alle Plag’.“
„Regnet’s am Pfingstmontag, so regnet’s sieben Sonntag.“

Allen Wetterkundigen sind die Eisheiligen Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die Kalt Sophie bekannt. Sind ihre Tage vorbei, dann gilt: „Mitte Mai – ist der Winter vorbei.“

Wir Niederburger sind auch froh, wenn der 1. Mai vorbei ist, d.h., die Nacht vom 30. April zum 1. Mai, denn in ihr treiben die Hexen ihr Unwesen. Wenn wir die jetzigen Schelmesticker beklagen, so sei berichtet, dass die früheren auch nicht von Pappe waren: Fenster wurden mit Kalk bestrichen oder eine Hexe brachte dort eine Deiwelsgei an, die schreckliche Geräusche von sich gab. Pflugteile wurden auf Dächer gestellt, ja sogar ein ganzer Wagen mit Mist soll auf dem Spritzenhausdach gelandet sein. Eggen hingen auf Bäumen, Jauchefässer und auseinandergenommene Wagen rollten bis ende Seye und wer seine sonstigen Geräte oder Gabeln, Hacken und Besen irgendwo stehen ließ, der musste sie am nächsten Morgen suchen gehen. Hauseingänge mit Mist oder Holz zuzusetzen war ebenfalls eine beliebte Hexerei. Natürlich wurde auch ein Maibaum am Denkmal gestellt, so wie heute noch.

Dass am 1. Mai zur Kupperschwies gewandert wird, um dort in geselliger Runde gut zu essen und zu trinken, ist ein Brauch, den der Heimatverein etwa um 1970 einführte.

In Niederburg lebten nicht nur früher schon einfallsreiche Hexen, sondern auch hervorragende Handwerker. Die Stellmacher fertigten die kompletten Wagen med Hurde un Leidere, sowie die Eggen und Pflugteile an. Sie machten auch Jauche-, Traubenfässer und –büttchen, Lägel, Leitern und Holzrechen. Die Schreiner waren für die Scheierport zuständig, machten Särge, Bänke und Tische. Der Schmied hämmerte die Zähne für die Eggen und brannte sie ein, damit sie gut saßen. Er beschlug die Kühe mit den im Winter geschmiedeten Hufeisen, schmiedete die Wagenräder, de Wingertskorscht, die Bänder für die Bütten, die Schienen für die Schlitten, die Eisenteile für die Joche, die Halsbänder der Kühe und vieles mehr. Pflüge waren kostbar, stumpfe Pflugscharen wurden von unserem Schmied auch geschärft, in meiner Kindheit kostete das 80 Pfennig. Der Schuster fertigte und flickte nicht nur Schuhe, sondern nähte auch die Polster für die Joche. Die Zimmerer schlugen Haus- und Kirchendächer auf und die Dachdecker deckten sie kunstvoll mit einheimischem Schiefer. Die Schneider nähten die Hochzeit-sanzüge, die Schneiderinnen die Kleider.

 

Niederburg besaß seine eigene Geräuschkulisse, die der Tiere und die der Arbeit: Noch immer erinnere ich mich an das ‚ping ping’ der Schmiedehämmer auf dem Amboss von Adam Kasper. Nie vergessen die Alten den Geruch und das Geschrei der Tiere, die morgens ihr Futter verlangten. Mit seinen Handwerkern und den eigenen Fähigkeiten zum Lebensunterhalt war Niederburg, wie viele andere Hunsrückdörfer, fast unabhängig von der Außenwelt.

Ein rarer Artikel war Geld. Denn nur mit Geld gelangten wir auch an etwas Luxus. So wurde im Mai Loh gemach. Von der Gemeinde bekam der Interessent ein Lohstick em Eischebersch ure uff de Sachheck zugeteilt und konnte dort die Rinde von den Eichen klopfen bzw. schälen. Sie wurde aufgeladen, nach Hause gefahren, getrocknet und nach Oberwesel zum Verkauf gebracht. Der Mai war überhaupt ideal, um das im Winter geschlagene Holz heimzufahren, zu sägen und zu Brennholz zu spalten. Meine Familie verkaufte fertige Scheite und Anmachholz nach Oberwesel sowie Butter, eingeschlagen in gewaschene Meerrettichblätter, weil wir kein Papier zum Einwickeln besaßen. In den ersten Nachkriegsjahren wurde fast nur mit Lebensmitteln getauscht. Mit den ersten Frühjahrstagen kamen in den späteren Jahren vermehrt die Hausierer. Da war es gut, ein paar Groschen für Gummiband, einen Reißverschluss oder Nähgarn zu haben.

Wenn der Schnittlauch hoch stand, gab es auch Eierschmier. Macht die noch jemand?

Die Weinberge wurden gehackt und vorher fein säuberlich von Unkraut befreit. Dreckrobbe hieß diese Aufgabe und von klein auf wussten wir, was Pilbes, Mell, Dischdele, Quecke, Käsjeskrout ure Eierpitschel wore.

Maikäfer zu fangen war eine große Leidenschaft für uns Kinder. Wir sperrten sie in Streichholzschachteln oder Dosen, in die wir Luftlöcher gebohrt hatten und steckten Blätter als Futter dazu, da unsere Lehrerin erklärte, wir dürften die Tiere nicht verhungern lassen, auch wenn sie die jungen Triebe der Obstbäume abfraßen. Dann verfütterten wir sie an die Hühner, die sich mit wahrer Gier auf sie stürzten und danach besonders gute Eier legten.

Wie in diesem Jahr fielen die großen kirchlichen Feiertage oft in den Mai: Christi Himmelfahrt und Pfingsten waren wunderbare Tage zum Ausruhen für die Männer an den Nachmittagen, während die Frauen und Kinder in die Andacht oder die Vesper gingen. Ausgenommen von dieser Sonntagsnachmittagsruhe waren die männlichen Kirchenchormitglieder. Die schönen, gesungenen Vespern der Niederburger Männer sind unvergessen.

Die Bittprozessionen drei Tage vor Christi Himmelfahrt haben eine lange Tradition in Niederburg. Mit diesem Gang durch die Gärten und Fluren rund um das Dorf wurde um gutes Gedeihen der Ernte gebetet. Die erste Prozession geht durch die Gärder un de owere Seye, die zweite iewer die Groschof und die dritte zum Heljeheisje. Do is owends dann ach Kiersch.

In seiner früheren Pracht nicht mehr zu wiederholen ist das Fronleichnamsfest. Dieser Aufgabe stellte sich in meiner Kindheit das ganze Dorf. Blumestrippe war eine Aufgabe für Kinder, Mütter, Onkel und Tanten. Die Blüten wurden im Keller kühl gestellt und mit Wasser benetzt, damit sie frisch blieben. Alles was unseres Erachtens derb aussah oder nicht gut roch, wurde mit dem Duft der geschlagenen Maibaimschjer überdeckt. Wo die Prozession entlang ging, stellten die Männer am Vorabend dicht an dicht und kerzengerade kleine Birken auf. Das durch sie verströmte Aroma war der typischen Geruch von Fronleichnam.

Die sauber geschreinerten Triumphbögen wurden herausgeholt, neu gestrichen, mit Tannengirlanden umwickelt oder mit weißem Leinen, kunstvoll drapiert, geschmückt. Fahnen und Fähnchen wurden gewaschen, gebügelt, mit frischen Papierrosen versehen und aufgehängt. Jeder stellte vor das Haus auch ein eigenes Altärche mit Kerzen, Blumen und einer Statue, die mit Sicherheit einmal durch den Wind umgefallen und geklebt war.

Die Blumenteppiche zu legen war eine wunderbare, kreative Arbeit neben der Anstrengung, die uns Bauersleuten das ganze Jahr über auferlegt war. Die Prozession ging durch das Feld am Heiligenhäuschen vorbei, und auch dort lagen auf dem Weg Blumenteppiche. Fronleichnam dauerte den ganzen Tag an. Bis abends konnten die Kinder in dieser Szenerie von duftenden Bäumchen Versteck und Nachlaufen spielen. Auch Teppiche wurden dann erst zusammengekehrt.

Dass die Blumen nur für diesen einen Tag gepflückt wurden, war ein kleines, uns erschwingliches Opfer für unseren Schöpfer, der uns alles gibt, auch die Blütenpracht in den Wiesen, die schon bald gemäht und zu Heu getrocknet wurden. Dieser Dank lebt als Brauch bis heute weiter, auch wenn nur noch ganz wenige von uns Heu machen.

Rezept "fir Eierschmier"

© Gerda C. Heidelmann