

„April, April, der weiß nicht was er will“ lautet die häufigste Beurteilung des vierten Jahresmonats. Außerdem ist es an seinem ersten Tag üblich, jemanden durch einen Überraschungsscherz „in den April“ zu schicken und ihn dann auszulachen.
Während wir in diesem Jahr schon Ende März Ostern feiern, fällt die Auferstehung Jesu in den meisten Jahren in den vierten Monat. Ostern richtet sich nach unserem Himmelstrabanten und ist auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond festgelegt. Das kann frühestens der 22. März und spätestens der 25. April sein. Der Name leitet sich von der altgermanischen Frühlingsgöttin Ostara ab.
Dass ab Karfreitag die Glocken in Rom weilen und die Kinder mit Holzklappern
die Uhrzeiten ankündigen, ist ein harmlos heidnisches Relikt und in Niederburg bis heute Brauch. Nach 40 Tagen Fastenzeit und den schmerzvollen Liedern in der Kirche empfinden wir schließlich das österliche Halleluja und die Todüberwindung Christi wie eine Befreiung. Schon im 17. Jahrhundert, wird nachweislich berichtet, versteckten die Eltern bunte Ostereier und erzählten den Kindern, der Osterhase habe sie gelegt.
In Niederburg bekam von alters her der Pastor von jeder Familie zu Ostern ein Ei. Diese Eierflut hat erst Pastor Schneider Ende der sechziger Jahre gestoppt.
Das unbeständige Wetter im April ist erklärlich. Dringen doch immer noch Kaltlufteinflüsse aus dem Norden auf die bereits erwärmten Luftschichten über dem Festland. Für die Landwirte sind die häufigen Wechsel von Regen und Sonnenschein auf alle Fälle positiv, es sind gute Bedingungen für die Saaten. Doch waren die Felder zu nass, konnten wir den Hafer nicht Ende März sondern erst Anfang April säen. Das bedeutete meist auch, zum ersten Mal das Vieh an den Wagen zu spannen. Nach den langen Wintermonaten verfielen einige Kühe in Freudensprünge, wenn wir sie aus der Stalltür führten. Sie warfen die Hinterbeine hoch und rannten los.
Den Wagen zu ziehen war mit den Tieren eingeübt. Im Stall schon legten wir das Koppkettschje ohn, damit wir die Kuh am Kopf greifen und sie rückwärts in den Gang bugsieren konnte. Raum zum Drehen gab es erst bei der zweiten. Einmal mindestens im Leben stand einem eine Kuh mit ihrem Huf auf dem Fuß. Nach dieser Erfahrung passierte das so schnell nicht wieder. Stand das Tier dagegen auf der Ackerleine oder auf einer Kette, so stießen wir mit dem Schuh die entsprechende Hufe an und sagten: „Fuß“. Die gelehrige Kuh hob die Hufe an und die Leine konnte schnell hervorgezogen werden. Die kunstvoll aus Segeltuch, Rosshaar, Leder und Eisen gefertigten Jescher hingen meist an der Stallwand. Wir legten sie der Kuh vor der Stalltür über die Hörner. Das dicke Lederband kam um den Hals und wurde mit einem Eisenring an der Deichsel befestigt. Auch das Kopfkettchen hing in diesem Ring. Dä Wan stand meischdens em Schopp. Von Hand ein wenig vorgezogen, konnten wir die erste Kuh mit dem aufgesetzten Joch bald einspannen, d.h. ohn die Deijschel fiehre, se bissje drohndrigge un die Sträng vum Sielescheijd ohm Joch feschdmache. Im Frühjahr fuhren wir med däm Hurdewan. Mit ihm wurde Fure geholt und wehe, wir Kinder warfen das Fure (Klee oder Gras) mit der Gabel so wild auf den Wagen, dass es auf der anderen Seite wieder herunterfiel. Doppelte Arbeiten wurden med Schennerei unterbunden.
Geflucht wurde auch, wenn en Rend ongeliehrd muschd wäre, das wor nämlisch Gedoldsorwed.
Die Einbindung der Arbeit in die Entwicklung der Natur ging einher mit Daten zum Merken: Ohm Josephsdach Hower säe, en de Korwuch Wiese bozze. Wir säuberten die Wiesen durchaus mit einem Eimer in der Hand, vor allem jedoch mit einem Eisenrechen, um die Molderhaufe glattzeresche. Die recht ansehnlichen Untergrundarbeiter konnten uns ganz schön ins Schwitzen bringen, bis wir alle Haufen eingeebnet hatten. Wenn sie eine zu große Plage wurden, gab die Gemeinde in meiner Kindheit für jedes gefangene Exemplar 50 Pfennig Belohnung. Oft genug wanderte dieses Geld in die Spardosen der Kinder. Dafür mussten sie den kleinen anthrazitfarbenen Samtpelz mit den rosigen Schaufelhänden zum Bürgermeister bringen. Sie klemmten seinen nicht sehr langen Schwanz zwischen Daumen und Zeigefinger, ließen ihn baumeln oder durch die Luft drehen und empfanden kaum Mitleid mit dem leblosen Tier. Heute ist der Maulwurf geschützt, weil er nahezu ausgerottet wurde.

Wenn aus den Wiesen Steine und Unebenheiten nicht entfernt wurden, gab es Ärger beim Mähen. Entweder bekam die Sense Scharten oder sie wurde stumpf, wenn sie öfter in den Erdhaufen stecken blieb oder sie gar abhieb. Jeder der mähte trug am Gürtel das Schlorefass, um die Sense nachzuschärfen. Mit Zacken gab es keinen sauberen Schnitt mehr. Die Sense blieb hängen und produzierte Gefrazzel. Der Bauer musste nach Hause gehen und dengeln. Sensen waren nicht gleich Sensen. Manche mähten hervorragend und wurden gedengelt und gepflegt, bis die Blätter ganz schmal waren.
Beim Kleestahnraffe verhielt es sich ähnlich. Auch wenn die Arme lang und die Eimer immer schwerer wurden, die Steine mussten aufgehoben werden. Bei jedem Umpflügen zeigten sich jedoch wieder neue. Meine Oma sagte, Steine seien die Knochen der Erde. Klee war ein ausgezeichnetes Kraftfutter. Sobald der erste Klee verfüttert wurde, stiegen die Fettwerte der Milch und sie bekam einen besseren Literpreis. Wir bauten Luzerne un dä Klee med dä rode Klungele ohn.
Für die Frauen war der Monat April auch der Monat des Säens: Klumbe un Kohlrawe, das kla Gescherr un die Muhre. Das kla Gescherr waren die Gemüsesorten Rot-, Weiß-, Blumen-, Rosenkohl und Wirsing. Gesät wurde en die Placke em Seije. Ein paar Gartenstücke gab es auch in der Dorflage, die wir heute noch „In den Gärten“ nennen sowie hinter dem Haus der Familie Braun. Irgendwo fand sich auch Platz firen Tittschje Zwiewelscher. Unvergessen ist das Pedschjeen de Seije sowie das vun Braune ous zum Heljeheisje. Es gab auch zwei richtige Hohlwege, der eine hieß sogar die Hohl, der andere führte durch die Fußkout. Um de halwe April rum wurden auch die Krumbiere gesetzt. Eigentlich haben wir sie gelegt, einen guten Fußbreit auseinander in die jeweilige Furche. Immer war die ganze Familie mit Kind und Kegel auf dem Acker. Tags zuvor schon wurden die Setzkrumbiere in die Säcke gefüllt. Die dicken Kartoffeln schnitten wir einmal durch. Un wenn’s en groß Stick wor med wenisch Leit zum Helfe, dann wurde die Arbeit zum Mittagessen unterbrochen und nachmittags fortgesetzt. Fir nomedachs hon mer dann ach en Kann Kaffee un por Sticker medgenumm.
Wenn die Leute auf den gewundenen Feldwegen an den Äckern vorbeikamen, auf denen schwer geschafft wurde und sie wollten außer Gemorje oder Guude noch etwas mehr sagen, kommentierten sie die augenblickliche Arbeit, z.B.: „Seid’er ohm Krumbieresetze“. Dann wurde „Jo“ gesagt oder zustimmend genickt und damit war es gut. Traf einer jedoch auf einen der unverbesserlichen Spaßvögel, so kam blitzschnell eine ganz andere Anwort: „Nä, me sen ohm Kwetschekuche esse.“
Da blieb einem nichts übrig als zu lachen oder nachzurufen: „Du alder Simbel!“ Und außerdem war es befreiend, einem Stollen einen Fußtritt zu verpassen, dass er in kleine Krumen zerfiel.
© Gerda C. Heidelmann