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Eine Fabel: Die Suche nach dem Echo
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Eines Tages zogen sechs unternehmenslustige tüchtige Ameisen durch eine schöne Landschaft und erreichten eine Bogenbrücke, die über einen Bach führte. Auf dem obersten Punkt der Brücke trafen sie auf drei alteingesessene Ameisen, die in dem am Berg liegenden Ameisenhaufen, ihrer Burg lebten. Die jungen Ameisen hielten ihren Schritt an, grüßten ehrerbietig und kamen gleich mit ihrem Anliegen heraus. Sie sagten übereinstimmend: „Wir suchen das Echo.“

Die angesehenen Altameisen blickten sie groß, sogar etwas misstrauisch an, zogen dann unbestimmt die Schultern hoch und deuteten auf das an der Brücke angebrachte Relief. Es zeigte eine Nachbildung des Affensymbols der Wandvertäfelung des Heiligen Stalles in der japanischen Stadt Nikko. Das erste dieser klugen Tiere hielt sich die Ohren zu, das zweite verschloss mit seinen Händen den Mund und das dritte deckte beide Augen zu. „Hm“, sagten die sechs Ameisen, „wir suchen trotzdem hier das Echo.“

„Do kann isch Eijsch net helfe. Mier hiere grundsätzlisch nix“, sagte die ihnen gegenüber stehende erste Ameise mit Nachdruck. “Wenn mer nix hierd, wird mer nix gewohr, das stimmt. Awer, wann hierd me dann was Gures?“ Sie blickte beim letzten Satz angriffslustig in die Runde.

Die zweite Ameise reckte bestätigend den Kopf hoch und meinte dann sehr bestimmt: „Un mier saan ach nix. Wenn mer nix sed, sed mer nix Falsches. Wenn mer nämlich was Falsches sed, hod mer nur Schärereije hennenoh! Un uff Schärereije kenne mer verzischte.“

Die dritte Ameise fuchtelte in Zustimmung des eben Gesagten mit beiden Händen in der Luft herum, drückte sie dann zu Fäusten geballt für einen Moment auf beide Augen, nahm sie wieder herunter und meinte pathetisch: „Un siehn dun mer ach nix. Gor nix. Wenn mer nix siehd, kann mer ned befroht were. Mier hon also ka Ahnung, fir was un wo Ihr hie en Escho sucht.“

„Das Pflaster der Straße Eurer Burg ist verhunzt worden“, sagten die sechs Ameisen wie aus einem Mund, „und hier, oberhalb der Brücke, staut sich das Bach- und Regenwasser. Es wird irgendwann die Straße überfluten und die Brücke in Mitleidenschaft ziehen.“

„Das wisse mer schun lang“, ereiferten sich die drei. „Und warum sagt Ihr nichts dazu?“ Statt einer Antwort verwiesen sie wie mit einer verabredeten Geste auf das Relief.

Der Große der jungen Ameisen ließ sich nicht beirren: „Die Ameisenburg hier ist berühmt für die Herstellung eines ganz bestimmten Produktes. Doch der Tonbehälter für die Herstellung war inzwischen marode. Wisst Ihr, dass eure Spezialität in Kürze wieder erzeugt und veräußert werden kann? Der Tonbehälter wird mit verbesserter Technik im Original wieder aufgebaut.“

Die drei alten Ameisen rissen verschmitzt die Augen auf: „Das wisse mier aach“, nickten sie begeistert.

Die sechs jungen Ameisen blicken die drei Alteingesessenen auf der Brücke mit einem Mal ernsthaft an: „Also hört und seht Ihr! Aber warum sagt Ihr denn nichts und nehmt es kommentarlos hin?“

Die drei Ameisen zogen ein wenig die Schultern ein und lehnten sich wie auf Kommando wortlos gegen die Brücke.

Die Sprecherin der sechs Ameisen ermutigte sich angesichts der erneut aufkommenden Sprachlosigkeit, sah sie freundlich an und erklärte: „In einem Extra-Forum stellen wir für Eure Burg alle diese Arbeiten dar. Wir haben dieses Forum neu gestaltet, Farben und Stil verändert und arbeiten täglich daran, um Euch immer auf dem neuesten Stand der Entwicklungen in der Ameisenburg zu halten. Aber ohne Echo, ohne Eure Kritik oder Anerkennung arbeiten unsere Mechanismen nicht gut. Die Farben verblassen, weil der Echodruck fehlt. Darstellung und Echo sind zwei Pole, die einander brauchen, um in Aktion zu bleiben.“

„Mier hon ka Ahnung vun so was, mier Alde hon das Forum ach ned.“

„Aber die Jungen haben es, die können Euch davon berichten und es Euch zeigen, wenn Ihr wollt.“

Die drei alten Ameisen richteten sich kooperativ ein wenig nach vorne: „Was solle mier jetzd mache?“

Die Sprecherin der jungen Ameisen wusste sofort die Antwort: „Dieses Relief als Warnung ansehen was Eure Ameisenburg anbelangt. Ihr müsst hören, hinsehen und sprechen, wenn es sich um Eure Burg handelt, sonst geht sie vor die Hunde. Infolgedessen entwickelt sich kein gedeihliches Miteinander; die Verständigung ist schlecht und schließlich das ganze Klima miserabel. Das Forum ist eine moderne Methode, zu einem für die ganze Burg verträglichen Übereinkommen zu kommen, das Eintracht und Friede gewährt. Krieg in einer Ameisenburg ist unerträglich.“

Ihr Gesicht hellte sich auf und sie fügte begeistert hinzu: „Wenn wir diese moderne Errungenschaft näher betrachten, bereitet sie sogar Freude. Oder?“

Die Sprecherin hob die Brust, wandte sich zu ihren Gesellen und erhielt breite Zustimmung. Der vorderste ihrer Gruppe resümierte: „Ich denke, das Ganze ist klar. Alteingesessene und Neubürger der Ameisenburg müssen an einem Strang ziehen und das Echo aktivieren. Wir werden allesamt in die Burg ziehen und die Notwendigkeit proklamieren.“

Mit dieser Entscheidung verließen die Ameisen gemeinsam die Brücke und zogen wie in einer Prozession hinauf in die Burg.

©  Gerda C. Heidelmann